04. Juni 2020

Social Networks: Der Spaß geht verloren

Müssen Social Networks vor Fake News warnen, stärker gegen Hass vorgehen und der Politik die Stirn bieten? Ein Kommentar!

DRDigitalerRundblick970x500.jpg

War früher wirklich alles besser? Die Meinungen gehen auseinander, wenn man diese Diskussion auf die Welt der sozialen Netzwerke überträgt. Mit Blick in die Vergangenheit war die Welt vielleicht nicht so schnelllebig und ein latentes Gefühl der Entspannung überkommt ein Kind der 80er Jahre, wenn man einen spontanen Vergleich zwischen Historie und aktuellem Geschehen anstrebt.

Auf der anderen Seite bietet das Internet unglaublich viele Möglichkeiten der Information oder Selbstverwirklichung. Warum soll man sich für eine Welt entscheiden, wenn man die Wahl hat? Soll heißen: Ich bin 42 Jahre alt und kann das Netz so nutzen, wie ich es für richtig halte – nur bringt es gerade keinerlei Frohsinn, sich in die Welt der sozialen Netzwerke zu begeben.

Social Networks: Diskussion vs Polemik

Wann hat der Mensch den Sinn für Anstand verloren? Wo ist dieser Punkt auf der Achse, an dem die Gruppen sich voneinander lösten und in verschiedene Richtungen drifteten? Vielleicht ist es ein romantischer Gedanke, der sich in einer Geschichte wiederfindet, in der es um Anstand, Moral und Respekt geht. Werte, die nun bei leichtem Wellengang über Bord gehen.

Man werfe nur einen Blick in die Kommentarspalte der Süddeutschen, wenn der optimistische Versuch unternommen wird, die Menschen vor dem Bildschirm mit Nachrichten zu versorgen. Oft reicht schon ein kurzer Blick auf die Art und Weise des Ausdrucks, um zum eigenen Wutbürger zu mutieren und den Glauben an die Mitmenschen zu verlieren.

Dabei ist es egal, ob es um vegane Ernährung, die Frage nach einem Tempolimit auf der Autobahn oder gar darüber geht, ob Europa in der Lage ist, pro Bundesland ein Flüchtlingskind aufnehmen zu können. Inzwischen haben wir Instrumente, die einen globalen Diskus erlauben, doch wann ging es im Netz zuletzt mal um Argumente oder einen Austausch?

Nein, es ist nicht alles schlecht und die Betreiber sind nicht dafür verantwortlich, was auf ihren Plattformen alles passiert, bzw. veröffentlich wird. Dieser rechtliche Schutz nennt sich in den USA "Section 230". Ohne diesen Schutz würde es keine Social Media Dienste geben, denn wer will all die Inhalte kontrollieren? Dazu später mehr.

Braucht es die Klarnamenspflicht?

Vor dem Rechner sind wir also alle gleich und diese Gleichheit ist ein nicht zu unterschätzender Nährboden für einst zarte Pflänzchen, die sich in der virtuellen Welt einen alias'esken Avatar der Grauens basteln. Die Wahl der Waffe ist der eigenen Phantasie unterworfen. Ein rassistischer Aluhut-Flammenwerfer mit Caps Lock Dauerfeuer für 0 Credits? Gekauft!

Social Media Kanäle, die den Menschen verbinden sollen, sind zu einem Moloch verkommen, in dem nicht die Information oder der Austausch als Währung dient. Immer deutlicher treten Wut, Hass, Verschwörung und Desinformation in den Vordergrund und es scheint, als ob die sozialen Medien als Kanalisierung der eigenen Unvollkommenheit zweckentfremdet werden.

Nicht umsonst gibt es immer wieder Diskussionen um eine Klarnamenspflicht, die allerdings mehr denjenigen schaden würde, die das Internet als eine Plattform verstehen, um sich auszutauschen. Dabei kann es um Foren gehen, in denen Homosexualität oder häusliche Gewalt thematisiert wird. Denn auch das sind soziale Medien, ein Ort, um Hilfe zu suchen.

Wir bewegen uns hier auf einer Ebene, bei der es um Privatpersonen geht und sind wir ehrlich, keine Instanz wird es schaffen, eine Netiquette zu etablieren. Freie Meinungsäußerung wird auch vor schlagkräftiger Dummheit kapitulieren müssen und das ist der Preis, den die Demokratie einfordert – sei es drum. Gefallen muss es einem trotzdem nicht.

Hinterfragen und Gegenprüfen

Gefährlicher wird es, wenn wir den Schauplatz ausweiten und das Feld der Fake-News in Augenschein nehmen. Twitter oder auch Facebook wollen gegen die Verursacher vorgehen, die beeindruckende Maschinerie, die in Kombination mit der Motivation schier unaufhaltsam erscheint, wird sich dadurch allerdings kaum aufhalten lassen.

Dieser Krieg lässt sich nur durch einen regelmäßigen Fakten-Check gewinnen, doch mit Blick auf die aktuelle Corona-Krise lässt sich vermuten, dass der Aluhut einfacher zu handhaben ist, als die Recherche nach der Richtigkeit der Fakten – aber geschenkt. Abstrus wie auch skurril wird es nämlich, wenn ein Staatsoberhaupt sich der Methode der Fake-News bedient.

Wie es aussieht, stehen Social Media Dienste an einem Scheideweg. Man müsste die Definition des Wortes Schuld definieren, wenn wir Twitter dafür – rein symbolisch – an den Pranger stellen wollen. Donald Trump, der Präsident der USA, twitterte, dass Briefwahlen zu Manipulation führen würden – wohl aus Angst vor einer höheren Wahlbeteiligung.

Diese Tweets wurden von Twitter nun markiert und als potenziell irreführend eingestuft. Es ist nicht überraschend, dass Trump mit dieser Markierung alles andere als zufrieden ist und wer seine Tweets verfolgt, der weiß, dass es bei seinen Äußerungen nicht immer um Fakten geht. Daraus resultiert die Frage, wie soziale Netzwerke bei Fake News reagieren sollen. 

Sind Fake-News freie Meinungsäußerung?

Trump beruft sich auf die freie Meinungsäußerung und man möchte ihm zustimmen. Nur wie sieht die Geschichte aus, wenn es sich um offensichtliche Fehlinformationen des wahrscheinlich mächtigsten Mannes der Welt handelt? Erinnern wir uns an die Aufgaben, die soziale Netzwerke ausfüllen können. Von Propaganda war nicht die Rede.

Der Präsident der USA hat die Möglichkeiten erkannt und nutzt diese in beeindruckender Art und Weise aus. Er ist der Endgegner für Netzwerke und während der Normalbürger schon bei der Eskalation unter einfachen Postings keinen Spaß mehr an einer Teilnahme verspürt, sind wir hier auf einem Level der ganz anderen Kategorie angekommen.

Trump wäre nicht Trump, wenn er keine Gegenmaßnahmen aus dem Ärmel schütteln könnte. Letzter Halt Section 230! Ihr erinnert euch? Der vorhin angesprochene Schutzmantel für die sozialen Netzwerke wird nun geprüft, könnte angepasst und neu geschneidert werden. Sollte der Präsident den Worten Taten folgen lassen, bekommen Twitter und Co massive Probleme.

Wie soll Facebook reagieren?

Das hat auch Facebook erkannt und obwohl man Postings auf die Richtigkeit der Fakten prüfen möchte, gilt das nicht für die Äußerungen von Donald Trump. Facebook-Boss Mark Zuckerberg erklärte gegenüber FOX, dass Facebook kein Schiedsrichter sei und nicht darüber richten solle, ob Aussagen von Menschen mit Wahrheit gespickt seien oder eben nicht.

Man mag ihn verstehen, wenn man sich über die Tragweite einer Entscheidung im Klaren ist. Will Zuckerberg zusammen mit Twitter in den Krieg ziehen und Facebook der Gunst eines Menschen überlassen, dem er zuvor der Redefreiheit beraubt hat? Wohl eher nicht. Seine Angestellten kündigten an, im Notfall zu kündigen, sollte sich diese Sichtweise durchsetzen.

Doch haben die Netzwerke nicht auch eine Verantwortung den Mitarbeitern gegenüber? Twitter sperrte nun einen User, der einen Tweet von Trump im genauen Wortlaut twitterte, wegen Gewaltverherrlichung. Kein Problem, denn dieser Nutzer stellt für Twitter keine Gefahr dar – im Gegensatz zu Trump. Pest oder Cholera? Zuckerberg und Co sind nicht zu beneiden.

Soziale Netzwerke müssen handeln

Was ist nun die Quintessenz dieser Posse? Soziale Netzwerke sind wichtig, denn sie vernetzen die Welt. Informationen sind ein wichtiges Gut in dieser Gesellschaft und kein Mensch sollte davon ausgenommen sein, sich (auch in Echtzeit) informieren zu können. Alleine die Corona-Zeit zeigt, wie schön es ist, einfach in Kontakt bleiben zu können – wer möchte das missen?

Auf der anderen Seite glänzt der Aluhut und wütet der Unverstandene, in dem Wissen, dass kaum Repressalien zu erwarten sind. Wer hätte gedacht, dass das Internet für die Geburt moderner Trolle sorgen würde? Dies ist nicht zu ändern und ein Grund, warum der Trend hin zu geschlossenen Gruppen geht und das Experiment der Diskussions-Globalisierung scheitern könnte.

Wir reden über die Möglichkeit, sich mit Menschen auf der ganzen Welt austauschen zu können. Die Chance, über den Tellerrand zu blicken und den Horizont erweitern zu können. Und was passiert? Instagram streicht die öffentliche Darstellung von Likes unter anderen aus dem Grund, damit dem Massenphänomen Mobbing vorgebeugt werden kann.

Twitter oder auch Facebook sind nun gut beraten, ihre Position deutlich zu machen und trotz der Androhungen Grenzen (für alle) zu ziehen. Eine freie Meinungsäußerung ist ein hohes Gut, sie darf nur nicht dazu missbraucht werden, um andere offensichtlich zu täuschen. Und wenn doch, dann sollten die Netzwerke dies kenntlich machen dürfen – auch wenn der Gegner sich nicht Attila, sondern Donald nennt.

Autor: Gunnar Beuth

#dr-Redaktion

Hier schreibt die Redaktion von #digitalrepublic. Mal der und mal die. Geballte Technikkompetenz, Smartphone-Nerds und erfahrene App-Tester. Alles aus erster Hand und immer mit dem Blick für Digital Lifestyle.

Themen dieses Artikels
Ratgeber